Wir möchten einen weiteren Leserbrief zur Thematik 'Montagsdemo in der Innenstadt' veröffentlichen:

Vermehrt erschienen in jüngster Vergangenheit Artikel und Leserbriefe, die die Verlagerung des Versammlungsortes der Zeitzer Montagsdemonstranten vom Schützenplatz in die Innenstadt thematisierten. Ich selbst habe zwei Jahre als Versammlungsleiter fungiert und habe diese Versammlungsleitung aus beruflichen Gründen abgegeben. In meiner Zeit als Versammlungsleiter konnten sich Betroffene stets ratsuchend an uns wenden.

Heute besuche ich noch die Veranstaltung, wenn es zeitlich möglich ist. Es ist also durchaus nicht so, wie der Verfasser des Leserbriefes vom 30.07.2014 zu suggerieren versucht, dass dort nur verantwortungslose Arbeitslose stehen, die den ganzen Tag nichts zu tun haben und den schwer schuftenden Ladenbesitzern das Leben schwer machen.

Auch in meiner Zeit als Versammlungsleiter ist trotz intensiver Bemühungen, den Hilfebedürftigen konkrete Ansprechpartner für ihren Einzelfall zu vermitteln oder selbst zu helfen die Zahl der Teilnehmer leicht rückläufig gewesen. Dies lag definitiv nicht an meinen “montäglichen Sprechblasen” (wie mir persönlich auch bestätigt wurde), sondern vielmehr an einer zunehmenden Resignation und Gleichgültigkeit der Betroffenen in ihrer für sie hoffnungslos erscheinenden Situation.

Im Zusammenhang mit der Zeitzer Montagsdemo von einem “Dauerbeschuss an Lärm” zu reden stellt sich selbst – um in der Fußballersprache des Verfassers zu schreiben – ins Abseits, denn schließlich reden wir hier von maximal 45 Minuten in der Woche. 45 Minuten in der Woche, in denen Bürger – seien es auch nur 15 – ihr Demonstrations- und Kundgebungsrecht und ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnehmen. Ich darf es als traurig und beschämend bezeichnen, wenn diese Rechte im 25. Jahr der Montagsdemobewegung der DDR wieder in Frage gestellt werden. Schließlich hat sich damals auch keiner über die allmontägliche “Dauerbeschallung” beschwert. Die Regierenden von damals sind Vergangenheit und nun demonstrieren da Leute gegen die Politik von heute und da wird dann halt das Demonstrationsrecht zur “Dauerbeschallung”.

Wenn der Verfasser des Leserbriefes auf die Worte des heutigen Demoorganisator Peter Moser Bezug nimmt, dass es "die Probleme der Innenstadt länger als die Demos im Zentrum gibt", so kann ich Herrn Moser nur Recht geben. Es gibt viele Ursachen für den Niedergang der Zeitzer Innenstadt. Zum Beispiel die verfehlte Baupolitik von Einkaufsmärkten an den Rändern der Stadt (in Zeitz der Michaelpark). Ein weiterer Grund ist der zunehmende Kaufkraftschwund und das nicht nur bei Arbeitslosen. Selbst voll erwerbstätige Arbeitnehmer verdienen heute teilweise so wenig, dass sie mit Hartz IV gestützt werden müssen – vielleicht nicht im vermögenden Bad Schwalbach, aber im ärmlichen Zeitz. Ich selbst habe 2011 als Leiharbeiter begonnen mit Hartz-IV-Aufstockung.

Und dass “für die Montagsdemonstranten” einfach so “jeden Monat das Geld auf ihr Konto kommt” kann nur behaupten, wer noch nie Hartz IV bezogen hat. Hätte Herr D. V. mal Hartz IV bezogen, so würde er wissen, dass man zur Durchsetzung seiner Leistungsansprüche durchaus manchmal einen eigenen juristischen Stab gebrauchen könnte. Obwohl ich seit Dezember 2011 in Lohn und Brot stehe, endete mein letztes Verfahren vor dem Sozialgericht erst am 13.09.2013 erfolgreich.

Bereits in der Vergangenheit haben diverse Innenstadthändler immer wieder Sündenböcke für ihren geschäftlichen Niedergang bei anderen gesucht. So mussten vor einigen Jahren die Markthändler auf dem Neumarkt dafür herhalten. Anstatt immer wieder mit den Fingern auf andere zu zeigen und diese Leute für den eigenen Misserfolg verantwortlich zu machen, sollte man mal die Ärmel hochkrempeln und den potentiellen Kunden etwas anbieten, was sie vielleicht doch wieder veranlasst in die Innenstadt zum Einkauf zu kommen. Offensichtlich ist das für die Zeitzer Bürger und die Touristen nicht attraktiv. Ich wünsche den Händlern dabei viel Erfolg. Die Montagsdemonstranten sind jedenfalls die letzten, die dafür ursächlich verantwortlich sind.

Da Herr V. offensichtlich Fußballfan ist, noch ein Hinwies: Während der erst jüngst zu Ende gegangenen Fußballweltmeisterschaft durfte ich mich auch nicht über das spätabendliche und nächtliche Gegröle und Hupen beschweren, obwohl ich am nächsten Tag um 3:15 Uhr aufstehen und zur Arbeit musste. Ich habe mich in Toleranz geübt, tun Sie es auch, Herr V. Meinen Nachfolgern bei der Zeitzer Montagsdemo kann ich indes nur Durchhaltevermögen wünschen – lasst Euch nicht unterkriegen. Es war genau richtig, dahin zu gehen, wo Ihr mit Euerm Protest auch gehört werdet.


Mit freundlichen Grüßen
Steffen Hemberger

   
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